{"id":8244,"date":"2022-02-01T09:49:17","date_gmt":"2022-02-01T08:49:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.askonline.ch\/?p=8244"},"modified":"2022-02-01T09:49:19","modified_gmt":"2022-02-01T08:49:19","slug":"interview-mit-yolvi-lena-padilla-sepulveda-und-edisantiago-gutierrez-von-der-wahrheitskommision","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kolko.net\/askonline\/allgemein\/interview-mit-yolvi-lena-padilla-sepulveda-und-edisantiago-gutierrez-von-der-wahrheitskommision","title":{"rendered":"Interview mit Yolvi Lena Padilla Sep\u00falveda und Edisantiago Guti\u00e9rrez von der Wahrheitskommision"},"content":{"rendered":"\n[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220;][et_pb_row column_structure=&#8220;3_5,2_5&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; custom_margin=&#8220;-22px|auto||auto||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220;][et_pb_column type=&#8220;3_5&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220;][et_pb_post_title author=&#8220;off&#8220; categories=&#8220;off&#8220; comments=&#8220;off&#8220; featured_image=&#8220;off&#8220; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; title_font=&#8220;|800|||||||&#8220; title_text_color=&#8220;#f39900&#8243; custom_padding=&#8220;||10px||false|false&#8220; border_width_bottom=&#8220;2px&#8220; border_color_bottom=&#8220;#f39900&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220;][\/et_pb_post_title][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.14.7&#8243; text_font=&#8220;Noto Serif||||||||&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<p><em>Von Carla Ruta<br \/><\/em><\/p>\n<p>Die Wahrheitskommission (<em>Comisi\u00f3n para el Esclarecimiento de la Verdad, la Convivencia y la No Repetici\u00f3n<\/em> \u2013 CEV) ist Teil des integralen Systems der \u00dcbergangsjustiz, das vom Friedensabkommen mit den FARC geschaffen wurde, zusammen mit der Sondergerichtsbarkeit f\u00fcr den Frieden (<em>Juridicci\u00f3n Especial para la Paz<\/em> &#8211; JEP) und der Spezialeinheit f\u00fcr die Suche nach Verschwundenen (<em>Unidad de B\u00fasqueda de Personas Dadas por Desaparecidas<\/em> &#8211; UBPD). Ihre Aufgabe ist es, Zeugenaussagen von Konfliktbetroffenen, aber auch von bewaffneten Akteuren des Konfliktes und von Experten zu sammeln und mit diesen Informationen einen Bericht zu verfassen. Dieser sollte am 27. Juni 2022 fertiggestellt und ver\u00f6ffentlicht werden. Dieser Bericht wird auch Empfehlungen beinhaltet zur Nicht-Wiederholung von den Verbrechen und zur Vers\u00f6hnung. Mehr zum \u00dcbergangsjustizsystem und zum Kapitel 5 des Friedensabkommens im Artikel \u201e<strong>Wichtige Schritte auf dem Weg der Wahrheit\u201c<\/strong> in diesem Newsletter.<\/p>\n<p>In der heutigen sehr angespannten Lage wollten wir mehr dar\u00fcber erfahren, wie die CEV konkret arbeitet, was die Herausforderungen sind, denen die CEV begegnet und wie die Leute, die f\u00fcr die CEV arbeiten, die Zukunft und Auswirkung ihrer Arbeit einsch\u00e4tzen. Wir haben zu diesen Fragen zwei Personen, Yolvi Lena Padilla und Edisantiago Guti\u00e9rrez, die f\u00fcr die CEV arbeiten, Ende letzten Jahres (virtuell) interviewt.<\/p>\n<p><strong>Was sind eure Aufgabenbereiche innerhalb der Wahrheitskommission?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Edisantiago Guti\u00e9rrez<\/strong>: Ich arbeite seit Mitte 2019 in der Wahrheitskommission. Meine Hauptaufgabe ist es, Interviews mit Mitgliedern der bewaffneten Akteure zu f\u00fchren: Angeh\u00f6rige der staatlichen Sicherheitskr\u00e4fte, die meisten in Zusammenhang mit F\u00e4llen von au\u00dfergerichtlichen Hinrichtungen (falsos positivos) &#8211; \u00a0Fall 003 der Sondergerichtsbarkeit &#8211; , mit Mitgliedern der FARC-EP, und seit April 2021 auch mit Mitglieder des ELN. Ich unterst\u00fctze auch die regionalen B\u00fcros der Kommission bei der Anh\u00f6rung von Opfern des Konfliktes.<\/p>\n<p><strong>Yolvi Padilla<\/strong>: Ich bin seit 2020 in der Wahrheitskommission dabei. Ich m\u00f6chte an dieser Stelle zuerst die Unterst\u00fctzung der Kommission durch die internationale Gemeinschaft hervorheben. Diese ist in jeder Hinsicht von grundlegender Bedeutung, sei es die politische Unterst\u00fctzung, aber auch die finanzielle und personelle Unterst\u00fctzung. Ich wurde zum Beispiel \u00fcber UNO-Entwicklungsprogramm UNDP angestellt. Ich arbeite im psychosozialen Bereich, f\u00fcr die Identifizierung und Analyse der Auswirkungen des Konfliktes auf die Ex-K\u00e4mpfer*innen der Guerrilla, der Paramilit\u00e4rs und der staatlichen Sicherheitskr\u00e4fte, und die Auswirkung auf ihre Familien und auf ihre Gemeinschaften. Ich f\u00fchre im Moment zusammen mit Edi Interviews mit ELN Mitglieder in den Gef\u00e4ngnissen durch. Die Kommission erkannte die Wichtigkeit, auch Mitglieder des ELN zur Sprache kommen zu lassen \u2013 was am Anfang etwas vernachl\u00e4ssigt wurde, da das ELN kein Friedensabkommen unterzeichnet hat und der bewaffnete Konflikt mit der Regierung andauert.<\/p>\n<p><strong>Wie verlief der Dialog mit den ehemaligen Mitgliedern der bewaffneten Akteure? Waren diese bereit zu reden? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Edisantiago Guti\u00e9rrez<\/strong>: Die CEV verf\u00fcgt zwar \u00fcber organisatorische und rechtliche Mittel, ehemalige Mitglieder der bewaffneten Akteure interviewen zu k\u00f6nnen und ihnen sagen zu k\u00f6nnen: so, Herren und Frauen der Armee, der FARC, etc. wir m\u00f6chten, dass ihr mit uns \u00fcber den Konflikt redet&#8220;. Aber in der Realit\u00e4t ist dies nicht so einfach. Die ersten Gespr\u00e4che mit den Sicherheitskr\u00e4ften waren sehr schwierig, besonders weil viele in der Armee den Institutionen, die aus dem Friedensprozess mit den FARC entstanden sind, misstrauen. Dies Aufgrund der politischen Situation im Land und der Tatsache, dass viele im Milit\u00e4r die Ansichten der rechten politischen Parteien teilen, die gegen den Friedensprozess sind. Es wurde uns klar, dass wir das Vertrauen Schritt f\u00fcr Schritt aufbauen m\u00fcssen. Anstatt frontale Einzelgespr\u00e4che zu f\u00fchren, begannen wir mit kollektiven Gespr\u00e4chen, in denen wir das Mandat der CEV erkl\u00e4rten und den Leuten klar machten, dass wir eine au\u00dfergerichtliche Funktion haben, dass es uns nicht darum geht, irgendjemand zu beschuldigen, aber darum zu verstehen, was passiert ist. Nach und nach war genug Vertrauen da, um Einzelinterviews durchzuf\u00fchren. Am Anfang der Interwies sagten die Leute oft als erstes, &#8222;ich habe nichts getan&#8220;, &#8222;ich wei\u00df nichts&#8220;, und dann, nach und nach erkannten sie: &#8222;die Wahrheit ist, dass ich dort war, ich habe dies getan, ich habe dies tun lassen&#8220;. In diesen Gespr\u00e4chen konnten wir wichtige Beitr\u00e4ge zur Wahrheit und zur Kl\u00e4rung der Vergangenheit sammeln. Mit ehemaligen FARC Mitgliedern war es \u00e4hnlich und jetzt auch wieder mit ELN Mitglieder. Das Erkennen der Wichtigkeit dieses Prozesses der gegenseitigen Vertrauensbildung war eine Schl\u00fcsselerfahrung f\u00fcr die CEV. Die Herausforderung ist aber, alles so schnell wie m\u00f6glich im gegebenen Zeitrahmen des Mandats zu erledigen und gleichzeitig &#8222;langsam und stetig&#8220; genug Vertrauen aufzubauen.<\/p>\n<p><strong>Wie verstehen und erkennen die Interviewten die Arbeit der CEV und ihren eigenen Beitrag an dieser Arbeit? K\u00f6nnen diese Interviews auch psychosoziale Auswirkungen haben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Yolvi Padilla<\/strong>: Die CEV hat in methodologischer Hinsicht zur Art des Zuh\u00f6rens sehr vieles gelernt. Es gibt dazu zwei Aspekte, der erste beantwortet die gestellte Frage:<\/p>\n<p>Es gibt zuerst einmal die Perspektive der Person, die ihre Geschichte erz\u00e4hlt. Die Interviewten verstanden die historische Wichtigkeit und die Wichtigkeit f\u00fcr Kolumbien von dem, was sie zur Arbeit der CEV beitragen k\u00f6nnen. Es war ihnen auch bewusst, dass es f\u00fcr sie eine Gelegenheit ist, von dem was sie erlebt haben zu erz\u00e4hlen, was vielen in Kolumbien unbekannt ist, und ihre Erfahrung als ehemalige K\u00e4mpfer*innen zu erkl\u00e4ren und zu teilen. F\u00fcr die Interviewten ist das Erz\u00e4hlen ihrer Geschichte auch sicher ein Teil des Heilungsprozesses. Erst gestern waren wir mit Edi im Gebiet von Caldono (Department Cauca). Ich sass bis sp\u00e4t in die Nacht hinein mit einer ehemaligen FARC-K\u00e4mpferin zusammen. Sie erz\u00e4hlte mir ihre Geschichte und bestanden darauf, dass es wichtig sei, dass die Menschen durch ihre Geschichte eine andere Seite der Realit\u00e4t kennen. Die Versuchung der Rechtfertigung ist nat\u00fcrlich immer auch da, \u00abwir waren arm, der Staat war nicht pr\u00e4sent\u00bb, und es ist oft schwer wirklich offen dar\u00fcber zu sprechen, was passiert ist.<\/p>\n<p>Die andere Seite des Zuh\u00f6rens ist die Bedeutung f\u00fcr diejenigen, die zuh\u00f6ren: f\u00fcr das Team der CEV, das viele Stunden damit verbringen, Fragen vorzubereiten, zu stellen und zuzuh\u00f6ren. Es ist nicht dasselbe, einem Opfer oder einem T\u00e4ter zuzuh\u00f6ren. Man h\u00f6rt auch viel Traurigkeit, viel Schmerz. Manchmal h\u00f6ren wir Leuten zu, die die Wahrheit leugnen und nicht zugeben wollen, was sie getan haben. Ich denke, die CEV hat in diesem Prozess sehr viel gelernt. Diese Erkenntnisse m\u00fcssten sp\u00e4ter unbedingt vom psychosozialen Team der CEV aufgegriffen werden, systematisiert werden und zuk\u00fcnftigen Kommission zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Dies k\u00f6nnte ein wichtiger Beitrag der CEV f\u00fcr zuk\u00fcnftige Friedensprozesse sein.<\/p>\n<p><strong>Edisantiago Guti\u00e9rrez: <\/strong>Was die Bedeutung und Auswirkung des Zuh\u00f6rens angeht, war es ein sehr interessanter Prozess. Die CEV organisierte eine Anerkennungsveranstaltung (evento de reconocimiento) f\u00fcr die Mitarbeiter*innen der CEV. In der Kommission gibt es ein grosses Team, das f\u00fcr die Transkription der Interviews zust\u00e4ndig ist. W\u00e4hrend ich bisher so circa 30 Interviews gemacht habe, h\u00f6rt sich dieses Team 30 Interviews pro Monat an. Sie h\u00f6ren die Interviews mit Opfern, mit Experten, sowie mit bewaffneten Akteuren an, sie h\u00f6ren also alle Seiten und Aspekte des Ph\u00e4nomens des Konfliktes in Kolumbien. Die Schlussfolgerung, zu der wir alle, die wir am Prozess des Zuh\u00f6rens teilgenommen haben, gelangt sind, ist, dass das Zuh\u00f6ren uns geholfen hat Vorurteile zu \u00fcberwinden und unsere Sichtweise auf den Konflikt zu ver\u00e4ndern. Aufgrund ideologischer und politischer Sympathien neigen wir alle in Kolumbien dazu, einige Akteure des Konfliktes zu verurteilen und andere weniger kritisch zu betrachten. Durch die Arbeit mit der CEV konnten wir erkennen, dass die verschiedenen bewaffneten Akteure letztlich aus denselben Gr\u00fcnden entstehen, n\u00e4mlich das Kolumbien nicht in der Lage ist, gen\u00fcgend Sicherheit und Wohlstand f\u00fcr alle zu garantieren. Auch wurden wir uns der kommunizierender Gef\u00e4\u00dfe zwischen bewaffneten Akteuren bewusst. So denken beispielsweise viele Armeeangeh\u00f6rige genauso wie FARC-Mitglieder oder Paramilit\u00e4rs wie ELN-Guerilleros, trotzt der unterschiedlichen Etiketten und Ideologien.<\/p>\n<p><strong>Das Zuh\u00f6ren selbst ist also auch eine Form der Friedensf\u00f6rderung?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Edisantiago Guti\u00e9rrez: <\/strong>Abgesehen von der Anerkennungsveranstaltung f\u00fcr das CEV Team, hat die CEV andere Anerkennungsveranstaltungen organisiert mit dem Zweck, verschiedene Parteien zusammenzubringen und \u00abunwahrscheinliche\u00bb Gespr\u00e4che zwischen T\u00e4ter und Opfer zu erm\u00f6glichen. So wurden beispielsweise im Falle der Anerkennung von au\u00dfergerichtlichen Hinrichtungen durch das Milit\u00e4r Gespr\u00e4che zwischen involvierten Armeeangeh\u00f6rige und den Familien der Get\u00f6teten organisiert. Aus diesen Gespr\u00e4chen hat sich ergeben, dass die CEV \u00fcber die Erstellung des Abschlussberichts und die Darstellung der historischen Ereignisse hinaus die Verantwortung hat, Garantien f\u00fcr die friedliche Koexistenz und Vers\u00f6hnung aller in Kolumbien zu schaffen. Diese Veranstaltungen waren in Kommunikation und symbolischer Hinsicht sehr wirkungsvoll, auch im Hinblick auf die Wiedergutmachung f\u00fcr alle Beteiligten. F\u00fcr die Opfer war es zweifellos etwas Besonderes, die Verantwortlichen vor sich zu haben, die zugaben: &#8222;Ich habe dies getan&#8220;. Aber auch \u00a0f\u00fcr die bewaffneten Akteure, die aufgrund des Justizsystems und des Kontextes vorher immer in der Defensive waren: &#8222;Ich habe nichts getan&#8220;, &#8222;das war nicht meine Schuld&#8220;, war es jetzt zum ersten Mal die M\u00f6glichkeit zu sagen, was sie getan haben und offen zu sprechen, ohne verurteilt zu werden, was f\u00fcr viele sicher sehr kathartisch war.<\/p>\n<p><strong>Abgesehen von der Herausforderung, Vertrauen zu schaffen, und der zeitlichen Begrenzung des Mandates, auf welche anderen Herausforderungen seid ihr gesto\u00dfen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Yolvi Padilla<\/strong>: Ich denke, die gro\u00dfe Herausforderung ist politischer Natur. Die Herausforderung f\u00fcr die CEV, die JEP und die UBPD besteht darin, die Unterst\u00fctzung, Akzeptanz und das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Bedeutung ihrer Arbeit in der Bev\u00f6lkerung zu wecken und allen zuzuh\u00f6ren. Als wir \u00c1lvaro Uribe (ehemaliger Pr\u00e4sident von Kolumbien) interviewten, gab es viel Kritik, wir w\u00fcrden den einen zuh\u00f6ren, aber nicht den anderen.<\/p>\n<p><strong>Edisantiago Guti\u00e9rrez<\/strong>: Die Arbeit der CEV wurde tats\u00e4chlich regelm\u00e4ssig durch die Politik erschwert. Manchmal arbeiten wir zwei Monate lang in aller Ruhe, und pl\u00f6tzlich erscheint eine Kolumne von einem Parlamentarier des Demokratischen Zentrums (Regierungspartei), der zum Beispiel behauptet, dass &#8222;die CEV f\u00fcr die Guerilla arbeitet&#8220; oder was ihm sonst noch so einf\u00e4llt. Dies f\u00fchrt zu Spannungen und institutionellem Stress, der sich zwar nicht auf den Inhalt unsere Arbeit auswirkt, aber sehr wohl f\u00fcr das Team sp\u00fcrbar ist. Langfristig ist das f\u00fcr das Team und die CEV als Institution sehr zerm\u00fcrbend.<\/p>\n<p>Eine andere Herausforderungen ist die Tatsache, dass eine so grosse Organisation aus dem nichts und f\u00fcr eine so kurze Zeit geschaffen werden musste. Wir schafften ein b\u00fcrokratisches Monster, mit seinen Schwerf\u00e4lligkeiten, mussten viele administrative Schwierigkeiten \u00fcberwinden und gleichzeitig immer daran denken \u00abin drei Jahren m\u00fcssen wir fertig sein, in zwei Jahren m\u00fcssen wir fertig sein, etc.\u00bb.<\/p>\n<p>Eine weitere Herausforderung, aber auch eine Bereicherung, ist die Vielfalt im Team der CEV. Die Vielfalt der politischen Perspektiven und der beruflichen Erfahrungen und Spezialisierungen schafften sehr viel Komplexit\u00e4t und Meinungsverschiedenheiten. Dies spiegelt aber auch die Komplexit\u00e4t des Konfliktes wieder. Es gibt sehr unterschiedliche methodologische Ans\u00e4tze: manche sind eher juristisch orientiert, ich komme aus den Sozialwissenschaften, andere arbeiten eher mit Statistiken, etc. Allein schon methodologische Differenzen sind manchmal schwierig zu \u00fcberwinden, ohne auf die politischen Diskrepanzen einzugehen. Manche Menschen haben eine bestimmte Sichtweise von bestimmten Geschehnissen, andere teilen diese nicht. Dies ist eine st\u00e4ndige Herausforderung, ist aber auch positiv f\u00fcr die detaillierte Analyse der Geschehnisse. Niemand kann einfach kommen und sagen &#8222;es ist einfach so&#8220;. Wir sind alle gezwungen, viel logischer, viel analytischer in der Debatte zu argumentieren und erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen &#8222;ich kann meine Aussage auf diese empirischen Beweise abst\u00fctzen&#8220;. Dies hat die Analyse und Forschung der CEV sehr gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p><strong>Yolvi Padilla<\/strong>: Eine weitere Herausforderung die ich erw\u00e4hnen m\u00f6chte, ist die Tatsache, dass die CEV zur Kl\u00e4rung der Wahrheit \u00fcber einen Konflikt arbeitet, der nicht beendet ist. Die CEV wurde geschaffen in der Annahme, dass sie in einem post-Abkommen, post-Konflikt Kontext agieren w\u00fcrde. Aber im Gegenteil, die Dinge sind schrecklich. Als ich gestern in Caldono war, sprachen Gemeinschaftsvertreter*innen vom traurigen Panorama in ihrer Region. Einer sprach mit Tr\u00e4nen in den Augen und sagte mir, dass die letzten zwei Jahre schlimmer waren als die 50 Jahre Konflikt davor. Es ist sehr schwierig f\u00fcr die CEV zu erkl\u00e4ren, dass sie Wahrheit sucht, um eine Wiederholung der Geschehnisse zu verhindern, wenn der Konflikt letztendlich weitergeht und sich verschlimmert. Ich glaube, dass dies eine der grossen Herausforderungen ist, der sich die Kommission stellen muss. Die CEV hat sich nicht nur verpflichtet, die Vergangenheit zu erforschen, sondern auch in die Zukunft zu blicken. In diesem Zusammenhang ist ein Friedensprozess mit dem ELN von zentraler Bedeutung. Die ELN ist nat\u00fcrlich nicht der einzige bewaffnete Akteur, der sich noch in den Regionen aufh\u00e4lt. Aber um notwenige Fortschritte auf dem Weg des Friedens und der Vers\u00f6hnung zu erzielen, ist ein Friedensprozess mit dem ELN notwendig.<\/p>\n<p><strong>Besteht die Gefahr von Zensur und\/oder Selbstzensur in Bezug auf den Inhalt des Schlussberichtes?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Edisantiago Guti\u00e9rrez<\/strong>: Ich glaube nicht, dass es irgendeine Art von Zensur geben wird, weder von au\u00dfen noch von innen. Ich glaube aber, dass nicht alle Resultate und Aussagen des Berichtes von allen Kommissaren getragen werden. Gewisse Kommissare werden sich wahrscheinlich zu gewissen Aussagen des Berichtes zu sensiblen Themen \u2013 zum Beispiel dass an diesem Ort diese Tat von diesem bewaffneten Akteur begangen wurde &#8211; enthalten oder festhalten wollen, dass sie nicht einverstanden sind. Dies wird dann in einer Fussnote vermerkt werden. Die Kommission wiederspiegelt die aktuelle Situation im Land. Die CEV ist ja nicht aus einem Vakuum heraus entstanden. Es w\u00e4re illusorisch zu erwarten, dass alle 11 Kommissare mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen und unterschiedlichen Tendenzen sich zu allen Themen einigen k\u00f6nnen. Aber dies ist auch positiv, denn es ist die Gelegenheit zu zeigen, dass die CEV transparent arbeitet und alle Perspektiven in ihre Arbeit einbezieht und zur Sprache kommen l\u00e4sst. Letztendlich wollen wir ja nicht vorgeben, eine absolute Wahrheit zu konstruieren, aber wir m\u00f6chten die Pluralit\u00e4t von allem, was geschehen ist, aufzeigen.<\/p>\n<p><strong>Was meint ihr, wie werden der Schlussbericht der CEV und die Empfehlungen aufgenommen? Werden sie konkrete positive Auswirkungen haben k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Edisantiago Guti\u00e9rrez<\/strong>: Die CEV hat ein neues Team gebildet, das sich mit den Fragen der Empfehlungen und deren Umsetzung befasst. F\u00fcr viele in der Kommission ist dies ein ganz neues Gebiet: viele, die auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften forschen, haben keine Erfahrung in der Formulierung von Empfehlungen, die von den Beh\u00f6rden konkret umgesetzt werden k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen nun Indikatoren und realisierbare Projekte entwickeln, die die Situation konkret ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Wir glauben, dass die Zukunft der Empfehlungen und generell die Zukunft des Abschlussberichts stark von der allgemeinen Akzeptanz in der Bev\u00f6lkerung des Landes abh\u00e4ngen wird. Wir m\u00fcssen deshalb daf\u00fcr sorgen, dass die Menschen, die den Bericht lesen, zu Botschafter*innen und Unterst\u00fctzer*innen des Berichts werden. So k\u00f6nnen wir politisches Gewicht gewinnen und eine Plattform haben, die es uns erm\u00f6glicht, die Umsetzung dieser Empfehlungen zu fordern. Wir m\u00fcssen versuchen sicherzustellen, dass jede Person, die von der Kommission befragt wurde, den Bericht pers\u00f6nlich erh\u00e4lt, auch als Dank f\u00fcr ihren Beitrag und um ihnen die gegebene Information \u00abzur\u00fcckzugeben\u00bb. Gerade diese Menschen werden die ersten Verteidiger*innen des Berichtes sein und die ersten, die die Umsetzung der Empfehlungen fordern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Yolvi Padilla<\/strong>: Dieses Interview, das wir hier machen und was die <em>ask!<\/em> in der Schweiz anregen kann, ist Teil der Hilfe, die die Kommission f\u00fcr die Verbreitung, die Akzeptanz und die Unterst\u00fctzung der Ergebnisse des Berichtes durch die internationale Gemeinschaft ben\u00f6tigt. Alles, was ihr tun k\u00f6nnt, wird f\u00fcr die CEV sehr wichtig sein, denn wir wissen, dass es in Kolumbien Schwierigkeiten f\u00fcr die Akzeptanz des Berichtes und die Umsetzung der Empfehlungen geben wird. Es wird sehr viel von der n\u00e4chsten Regierung abh\u00e4ngen, ob sie beispielsweise den politischen Willen hat oder das n\u00f6tige Geld investiert, um die Empfehlungen umzusetzen. Der Bericht wird also viel Unterst\u00fctzung von der internationalen Gemeinschaft ben\u00f6tigen.<\/p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;2_5&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220;][et_pb_button url_new_window=&#8220;on&#8220; button_text=&#8220;Download als PDF&#8220; button_alignment=&#8220;center&#8220; _builder_version=&#8220;4.14.7&#8243; custom_button=&#8220;on&#8220; button_text_size=&#8220;16px&#8220; button_bg_color=&#8220;#55677f&#8220; button_border_width=&#8220;2px&#8220; button_border_color=&#8220;rgba(0,0,0,0)&#8220; button_border_radius=&#8220;0px&#8220; button_letter_spacing=&#8220;4px&#8220; button_font=&#8220;Source Sans Pro|700||on|||||&#8220; button_icon_color=&#8220;#ffffff&#8220; button_icon_placement=&#8220;left&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_margin=&#8220;||&#8220; custom_padding=&#8220;12px|87px|12px|87px|true|true&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; locked=&#8220;off&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220; button_url=&#8220;https:\/\/kolko.net\/askonline\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/NL620-Artikel-zur-CEV-Interview-mit-Yolvi-und-Edisantiago.pdf&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]\r[\/et_pb_button][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/kolko.net\/askonline\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Colombiacheck-comision-de-la-verdad-960&#215;500-1.jpg&#8220; show_in_lightbox=&#8220;on&#8220; align=&#8220;center&#8220; force_fullwidth=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.14.7&#8243; hover_enabled=&#8220;0&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220; title_text=&#8220;Colombiacheck-comision-de-la-verdad-960&#215;500&#8243; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;][\/et_pb_image][et_pb_sidebar area=&#8220;et_pb_widget_area_1&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220;][\/et_pb_sidebar][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wahrheitskommission (Comisi\u00f3n para el Esclarecimiento de la Verdad, la Convivencia y la No Repetici\u00f3n \u2013 CEV) ist Teil des integralen Systems der \u00dcbergangsjustiz, das vom Friedensabkommen mit den FARC geschaffen wurde. 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