{"id":6000,"date":"2019-11-29T10:05:00","date_gmt":"2019-11-29T09:05:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.askonline.ch\/?p=6000"},"modified":"2019-12-04T10:28:42","modified_gmt":"2019-12-04T09:28:42","slug":"ein-raum-fuer-die-erinnerungen-der-frau-ein-raum-fuer-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kolko.net\/askonline\/themen\/frieden\/ein-raum-fuer-die-erinnerungen-der-frau-ein-raum-fuer-widerstand","title":{"rendered":"Ein Raum f\u00fcr die Erinnerungen der Frau \u2013 ein Raum f\u00fcr Widerstand"},"content":{"rendered":"\n\n[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243;][et_pb_row column_structure=&#8220;3_5,2_5&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; custom_margin=&#8220;-22px|auto||auto||&#8220;][et_pb_column type=&#8220;3_5&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243;][et_pb_post_title author=&#8220;off&#8220; categories=&#8220;off&#8220; comments=&#8220;off&#8220; featured_image=&#8220;off&#8220; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; title_font=&#8220;|800|||||||&#8220; title_text_color=&#8220;#f39900&#8243; custom_padding=&#8220;||10px||false|false&#8220; border_width_bottom=&#8220;2px&#8220; border_color_bottom=&#8220;#f39900&#8243;][\/et_pb_post_title][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.0.7&#8243; text_font=&#8220;Noto Serif||||||||&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243;]<p><em>Von Lukas Becker<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zwischen Erd\u00f6lreichtum und bitterer Armut, zwischen Paramilit\u00e4rs und Guerillas behauptet die Organizaci\u00f3n Femenina Popular seit 47 Jahren ihren Platz in Barrancabermeja, Kolumbien. Vor kurzem hat die Organisation das Haus der Erinnerung und der Menschenrechte der Frau er\u00f6ffnet \u2013 das erste in Kolumbien mit einem expliziten Frauenfokus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am Tag der Er\u00f6ffnung ist der Weg zum Museum von jungen Frauen ges\u00e4umt. Weiss bekleidet und mit Schirmen der dr\u00fcckenden Hitze trotzend stehen sie neben Plaketten, die an die ermordeten und bedrohten Mitglieder ihrer Organisation erinnern. Sobald man die R\u00e4umlichkeiten betritt, empfangen einen Flussger\u00e4usche. Sie erinnern an die N\u00e4he des Flusses Magdalena, die fluviale Hauptader des Landes und zentraler Bezugspunkt der Stadt Barrancabermeja. Hier wird auf die Geschichte der Stadt eingegangen, die seit ihrer Gr\u00fcndung durch die amerikanische Tropical Oil Company ein Zentrum der Erd\u00f6lindustrie und der kolumbianischen Arbeiterbewegung war und wo zeitweise Guerillas stark pr\u00e4sent waren. All dies machte die Stadt zum Ziel rechter Paramilit\u00e4rs, die in Barrancabermeja eine brutale S\u00e4uberungswelle gegen soziale Bewegungen und andere linke Kr\u00e4fte starteten. Zwischen den 1990ern bis Mitte der 2000er Jahre hatten die Paramilit\u00e4rs die Stadt fest unter Kontrolle \u2013 in Kollaboration mit staatlichen Sicherheitskr\u00e4ften. Doch mittendrin in der bekannten und stets von \u2013 m\u00e4nnlichen \u2013 Akteuren vorangetriebenen Erz\u00e4hlungen dieser Zeit scheint auch immer wieder eine andere Geschichte durch, diejenige der Organizaci\u00f3n Femenina Popular. Und diese Geschichte ist keine von Gewalt und Vertreibung, sondern eine von Solidarit\u00e4t und Widerstand. Nun, da der Konflikt mit der Demobilisierung der Paramilit\u00e4rs und der gr\u00f6ssten Guerillagruppe FARC zumindest offiziell vorbei ist, ist die Zeit gekommen, um solchen Erinnerungen einen Raum zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Haus der Erinnerung<\/strong><br \/> Entstanden ist die OFP im kirchlichen Umfeld der sozialkritischen Befreiungstheologie, doch etablierte sich schliesslich als eine unabh\u00e4ngige Plattform f\u00fcr die spezifischen Anliegen von Frauen. Die Aktivit\u00e4ten der Organisation weiteten sich stetig aus und reichten von psychologischer Betreuung, \u00fcber politische, rechtliche und handwerkliche Kurse bis hin zu kommunalen K\u00fcchen in den \u00e4rmeren Stadtteilen und einem kulturellen Angebot f\u00fcr Jugendliche. Das Kernanliegen der Gruppe war stets, marginalisierten Frauen eine Perspektive zu geben, sie \u00fcber ihre Rechte aufzukl\u00e4ren, ihnen Weiterbildungen anzubieten und dort einzugreifen, wo die staatliche Versorgung versagte. Wie man durch Zeitzeugenberichte erf\u00e4hrt, halfen diese Kurse und Aktivit\u00e4ten gerade denjenigen Frauen zu mehr Selbstbewusstsein und Freiheit, deren Leben von h\u00e4uslicher und sexueller Gewalt und von grosser Abh\u00e4ngigkeit gepr\u00e4gt waren. Viele von ihnen waren in einer grossen Vertreibungswelle in den 1990er Jahren vom Land gekommen und kannten grundlegende rechtliche Vorg\u00e4nge wie das Erstatten einer Anzeige nicht. Denn staatliche Institutionen waren dort auf dem Land, abgesehen vom Milit\u00e4r, wenig pr\u00e4sent.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Widerstand mit T\u00f6pfen und Schl\u00fcsseln<\/strong><br \/> Der Kern der Bem\u00fchungen der OFP waren die Frauenh\u00e4user, welche in verschiedenen Stadtteilen und auch in den umliegenden D\u00f6rfern sowohl als R\u00fcckzugs- und Versammlungsort dienten. Hier wurde die Isolation durchbrochen, unter der viele Frauen litten, weil sie aufgrund ihrer famili\u00e4ren Umst\u00e4nde oder wegen des politischen Konflikts an ihre H\u00e4user gebunden waren. Doch der entscheidende Beitrag der Frauenh\u00e4user war der Widerstand. Symbolisch f\u00fcr diese Orte wurden in einer Museumswand Fenster und T\u00fcren eingebaut. Dahinter warten verschiedenste Objekte aus der Geschichte der Organisation. So findet man hinter einem Fenster beispielsweise ein einfaches schwarzes Hemd. Es wurde, angelehnt an andere Proteste, stets von allen Mitgliedern getragen, sobald sie gemeinsam auf die Strasse gingen, sei es f\u00fcr eine Demonstration oder f\u00fcr die gemeinsame Suche nach verschwundenen Angeh\u00f6rigen. Das Kleidungsst\u00fcck erinnert an die erfolgreiche Mobilisationsstrategie der OFP, die in k\u00fcrzester Zeit viele Mitglieder auf die Strasse bringen kann, um so gewaltlosen passiven Widerstand zu leisten.<br \/> Widerstand leistete die OFP auch dagegen, dass ihre Frauenh\u00e4user von den Paramilit\u00e4rs eingenommen wurden. Dieser Kampf wird symbolisch dargestellt durch eine Zeichnung der Schl\u00fcssel der H\u00e4user, welche die OFP trotz immensem Druck der bewaffneten Gruppen niemals herausr\u00fcckte. Dieser Kampf um die H\u00e4user ging dabei auch soweit, dass die Paramilit\u00e4rs eines davon St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck abrissen und abtransportierten, worauf die OFP es aber einfach direkt wiederaufbaute. Und schliesslich ist da ein grosser Kochtopf, der von der OFP benutzt wurde, um w\u00e4hrend Notst\u00e4nden, Protesten oder auch einfach in \u00e4rmeren Stadtteilen eine kommunale K\u00fcche aufzubauen. Deshalb steht er symbolisch f\u00fcr die Versammlungsfreiheit. Auch dieser wurde mehrmals von den Paramilit\u00e4rs erfolgslos eingefordert, um der OFP ihre Kapazit\u00e4t zu nehmen, Menschen f\u00fcr ihren gewaltlosen Widerstand zu versammeln. So wurde auch etwas Einfaches wie ein Kochtopf in die Dynamik des Krieges hineingezogen<br \/> Die Fenster und T\u00fcren, an denen die Besucher vorbeigehen, sind eine doppelte Metapher. Zum einen f\u00fcr die H\u00e4user selbst, welche auch w\u00e4hrend der gef\u00e4hrlichsten Phasen des Konfliktes einen R\u00fcckzugsort boten, zum anderen aber f\u00fcr die Unsichtbarkeit von Frauen. M\u00f6chte man als Zuschauer die Geschichte des Widerstands sehen, so muss man zuerst die Fenster und T\u00fcren \u00f6ffnen, hinter denen sie sich versteckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>R\u00e4ume des Widerstands<\/strong><br \/> Doch der entscheidende Beitrag des Museums ist seine Existenz an sich. Wie Yolanda Becerra, eine der Anf\u00fchrerinnen der Organisation, beim Er\u00f6ffnungsanlass klar macht, soll das Museum ein Raum sein, an dem abseits von gewaltt\u00e4tigen und patriarchalen Strukturen Erinnerungen ausgetauscht werden k\u00f6nnen. So wie die Frauenh\u00e4user nach wie vor einen Ort darstellen, an dem sich die Mitglieder der OFP frei von gesellschaftlichen Zw\u00e4ngen an solidarischen Aktivit\u00e4ten beteiligen konnten. In diesem Sinne wirft das Museum nicht nur einen Blick in die Vergangenheit, sondern auch auf die Herausforderungen der Zukunft.<br \/> Die OFP schliesst sich mit ihrem Museum an eine internationale Bewegung an, die sich f\u00fcr den Aufbau von Frauenmuseen einsetzt. Auf deren <a href=\"https:\/\/iawm.international\/about-us\/womens-museums\/geografic-overview\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Website<\/a> l\u00e4sst sich auch eine Karte mit allen existierenden und geplanten Projekten aufrufen. Nebst einigen erfreulichen Beispielen, f\u00e4llt jedoch eine L\u00fccke auf: die Schweiz. Hier existiert zwar seit Jahren ein Projekt f\u00fcr ein solches Museum, doch ein Er\u00f6ffnungstermin l\u00e4sst noch auf sich warten. Gerade in einem Land wie der Schweiz, das in Bezug auf Frauenrechte eine lange Geschichte von Exklusion und Verz\u00f6gerungen, aber auch von entschiedenem Widerstand aufweist, w\u00e4re eine frauenspezifische Perspektive, wie sie dieses Museum bietet, ein sinnvoller Beitrag zur Diskussion und sehr zu begr\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;2_5&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243;][et_pb_button button_url=&#8220;https:\/\/kolko.net\/askonline\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Newsletter597_Artikel-Frauenmuseum.pdf&#8220; url_new_window=&#8220;on&#8220; button_text=&#8220;Download als PDF&#8220; button_alignment=&#8220;center&#8220; _builder_version=&#8220;4.0.7&#8243; custom_button=&#8220;on&#8220; button_text_size=&#8220;16px&#8220; button_bg_color=&#8220;#55677f&#8220; button_border_width=&#8220;2px&#8220; button_border_color=&#8220;rgba(0,0,0,0)&#8220; button_border_radius=&#8220;0px&#8220; button_letter_spacing=&#8220;4px&#8220; button_font=&#8220;Source Sans Pro|700||on|||||&#8220; button_icon=&#8220;%%266%%&#8220; button_icon_color=&#8220;#ffffff&#8220; button_icon_placement=&#8220;left&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_margin=&#8220;||&#8220; custom_padding=&#8220;12px|87px|12px|87px|true|true&#8220; locked=&#8220;off&#8220;]\r[\/et_pb_button][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/kolko.net\/askonline\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Casa-de-la-Memoria-Barranca.jpg&#8220; show_in_lightbox=&#8220;on&#8220; align=&#8220;center&#8220; force_fullwidth=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.0.7&#8243;][\/et_pb_image][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/kolko.net\/askonline\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Casa-de-la-Memoria-2.jpg&#8220; show_in_lightbox=&#8220;on&#8220; align=&#8220;center&#8220; force_fullwidth=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.0.7&#8243;][\/et_pb_image][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/kolko.net\/askonline\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Casa-de-la-Memoria-3.jpg&#8220; show_in_lightbox=&#8220;on&#8220; align=&#8220;center&#8220; force_fullwidth=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.0.7&#8243;][\/et_pb_image][et_pb_sidebar area=&#8220;et_pb_widget_area_1&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243;][\/et_pb_sidebar][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen Erd\u00f6lreichtum und bitterer Armut, zwischen Paramilit\u00e4rs und Guerillas behauptet die Organizaci\u00f3n Femenina Popular seit 47 Jahren ihren Platz in Barrancabermeja, Kolumbien. 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