{"id":5437,"date":"2018-12-21T15:28:00","date_gmt":"2018-12-21T14:28:00","guid":{"rendered":"http:\/\/ask.almargen.de\/?p=5437"},"modified":"2019-11-20T15:35:14","modified_gmt":"2019-11-20T14:35:14","slug":"gewaltsames-verschwindenlassen-menschen-und-schicksale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kolko.net\/askonline\/themen\/menschenrechte\/gewaltsames-verschwindenlassen-menschen-und-schicksale","title":{"rendered":"Gewaltsames Verschwindenlassen: Menschen und Schicksale"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243;][et_pb_row column_structure=&#8220;3_5,2_5&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; custom_margin=&#8220;-22px|auto||auto||&#8220;][et_pb_column type=&#8220;3_5&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243;][et_pb_post_title author=&#8220;off&#8220; categories=&#8220;off&#8220; comments=&#8220;off&#8220; featured_image=&#8220;off&#8220; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; title_font=&#8220;|800|||||||&#8220; title_text_color=&#8220;#f39900&#8243; custom_padding=&#8220;||10px||false|false&#8220; border_width_bottom=&#8220;2px&#8220; border_color_bottom=&#8220;#f39900&#8243;][\/et_pb_post_title][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.0.6&#8243; text_font=&#8220;Noto Serif||||||||&#8220;]<\/p>\n<p><em>Von Fabian Dreher<\/em><\/p>\n<p>Verschwindenlassen ist eine Form der staatlichen Willk\u00fcr, bei der staatliche oder quasi-staatliche Organe Menschen in ihre Gewalt bringen und dem Schutz des Gesetzes l\u00e4ngere Zeit entziehen. Es ist im V\u00f6lkerrecht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit sanktioniert und gilt als eine der schwerwiegendsten Menschenrechtsverletzungen. Trotzdem ist das gewaltsame Verschwindenlassen in bewaffneten Konflikt Kolumbiens weit verbreitet. \u00dcber 80\u2018000 Menschen wurden in Kolumbien zwischen 1958 und 2017 Opfer von gewaltsamem Verschwindenlassen.<\/p>\n<p>Gem\u00e4ss den offiziellen Zahlen des staatlichen Opferregisters (Registro \u00danico de Victimas, RUV) wurden 47\u2018512 Personen Opfer von gewaltsamem Verschwindenlassen (desaparici\u00f3n forzada). Die Zahlen der Untersuchungsbeh\u00f6rden liegen jedoch deutlich h\u00f6her, demgem\u00e4ss wurden zwischen 1958 und 2017 82\u2018988 Personen Opfer von gewaltsamem Verschwindenlassen. 1743 davon im Departement Caquet\u00e1 im Zeitraum von 1975 bis heute. Gem\u00e4ss der Obersten Staatsanwaltschaft (Fiscal\u00eda General de la Naci\u00f3n) wurden in den letzten 17 Jahren 9174 Leichen von Opfern des gewaltsamen Verschwindenlassens in ganz Kolumbien gefunden, 374 davon in Caquet\u00e1. Von diesen 374 wurden bis heute gerade Mal 86 identifiziert. Im November 2018 publizierte das Centro Nacional de Memoria Hist\u00f3rica (CNMH) einen pers\u00f6nlichen Bericht der forensischen Anthropologin Helka Quevedo \u00fcber Ausmass, Ursachen und Folgen des gewaltsamen Verschwindenlassens in zwei Gemeinden im s\u00fcdlichen Caquet\u00e1. Dieser Bericht wird hier kurz zusammengefasst, die vollst\u00e4ndige Version des Berichts kann auf der Webseite des CNMH heruntergeladen werden.<\/p>\n<p>Der Bericht will nicht nur das statistische Ausmass des gewaltsamen Verschwindenlassens aufzeigen, sondern die \u201eKrankheit\u201c durch eine \u201eAutopsie\u201c in ihrer Gesamtheit untersuchen. Dabei wird zuerst die Ausgangslage (Ort, Gesellschaft, etc.) beschrieben, dann das Ph\u00e4nomen gewaltsames Verschwindenlassen als Ausdruck der Gewalt des bewaffneten Konflikts und deren Ursachen untersucht. Die Autorin nimmt dabei ihre eigenen Erfahrungen als subjektive Grundlage der Erz\u00e4hlung. Als Mitglied eines Untersuchungsteams wurde sie 2001 bei der Aushebung von verborgenen Massengr\u00e4bern mit 50 verst\u00fcmmelten, teils unerkennbaren Leichen mit dem gewaltsamen Verschwindenlassen konfrontiert. Seither begleitet sie die F\u00e4lle in den zwei D\u00f6rfern Albania und Puerto Torres im s\u00fcdlichen Caquet\u00e1, in denen ab 2001 resp. 2002 solche Massengr\u00e4ber ausgehoben wurden.<\/p>\n<p>Sie war nicht nur bei den Grabungsarbeiten im Feld dabei, sondern auch bei der \u00dcbergabe der \u00dcberreste identifizierter Opfer an die Angeh\u00f6rigen. Sie f\u00fchrte mit vielen Angeh\u00f6rigen von Opfern Gespr\u00e4che \u00fcber die Ungewissheit, die schwindende Hoffnung, aber auch \u00fcber die Schwierigkeit in der Zusammenarbeit mit den Beh\u00f6rden. Sie begab sich aber auch in die Gef\u00e4ngnisse und sprach mit ehemaligen Kommandanten der verantwortlichen Paramilit\u00e4rs, die dem Frente Sur Andaqu\u00edes der AUC angeh\u00f6rten. Da diese im Rahmen von Justicia y Paz oft Strafminderung im Gegenzug f\u00fcr Gest\u00e4ndnisse (Wahrheit) erhielten, zeigten sich einige erstaunlich offen, \u00fcber die von ihnen begangenen Gr\u00e4ueltaten zu sprechen. Die Untersuchungsbeh\u00f6rden erhielten damit wertvolle Hinweise zur Aufkl\u00e4rung zumindest eines Teils der Verbrechen. Diese Gespr\u00e4che zeigen auch, warum bis heute in vielen F\u00e4llen keine Spuren, d.h. keine \u00dcberreste von den Opfern gefunden werden konnten. Teils wurden die Leichen so sorgf\u00e4ltig vernichtet, dass nach mehr als einem Jahrzehnt schlichtweg keine Spuren mehr gefunden werden k\u00f6nnen. Teils wurden die Leichen aber auch einfach auf \u00f6ffentlichen Friedh\u00f6fen vergraben. Aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden sind die Beh\u00f6rden hier bei Nachforschungen sehr zur\u00fcckhaltend und \u00f6ffnen Gr\u00e4ber nur bei klaren Beweisen oder Zeugenaussagen, die selten vorliegen.<\/p>\n<p>In der Kritik stehen im Bericht vor allem die staatlichen Beh\u00f6rden. F\u00fcr die Angeh\u00f6rigen w\u00e4re ein intensiver Austausch mit den Beh\u00f6rden immens wichtig. Staatliche Informationen \u00fcber die Untersuchungen und staatliche Anerkennung w\u00fcrden zumindest helfen, den Verlust einer geliebten Person zu verarbeiten. Zum Schmerz der Verlusts und der Hoffnung kommt die fehlende Kommunikation staatlicher Institutionen, die sich l\u00e4hmend auf die betroffenen Familien auswirkt. Wegen der tiefen Aufkl\u00e4rungsquote erfahren weder die Familien noch die Gesellschaft die Wahrheit \u00fcber die Verschwundenen und die T\u00e4ter.<\/p>\n<p>Die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden in Justiz, Forensik und f\u00fcr Entsch\u00e4digung der Opfer haben w\u00e4hrend dem bewaffneten Konflikt ein Labyrinth an Gesetzen, Protokollen, Informationssystemen, Verfahren und Kommissionen geschaffen. F\u00fcr die Angeh\u00f6rigen der Opfer ist dieses System jedoch vor allem frustrierend. Nicht selten geschieht es, dass F\u00e4lle von gewaltsamem Verschwindenlassen in dieser Maschinerie verloren gehen. Die Beh\u00f6rden schieben sich in solchen F\u00e4llen meist gegenseitig die Schuld zu. Eine Vereinfachung und Vereinheitlichung der Daten und Prozeduren w\u00e4re dringend, damit die Angeh\u00f6rigen wenigstens die bestm\u00f6gliche Hilfe bei der Suche und Verarbeitung erhalten. Bis heute existiert jedoch kein standardisiertes Verfahren der verschiedenen Beh\u00f6rden und staatlichen Institutionen in F\u00e4llen von gewaltsamem Verschwindenlassen.<\/p>\n<p>Eine \u00dcbergangs- oder Sonderjustiz wie Justicia y Paz und heute die JEP kann zur Wahrheitsfindung und Aufkl\u00e4rung von F\u00e4llen von gewaltsamem Verschwindenlassen beitragen. Dies ist jedoch von der Ausgestaltung abh\u00e4ngig. Sie muss sicherstellen, dass T\u00e4terInnen auch wirklich nur im Gegenzug zu vollst\u00e4ndigen und wahrheitsgem\u00e4ssen Gest\u00e4ndnissen Strafminderung erhalten. Gerade die Wahrheitsfindung \u00f6ffnet jedoch auch den Dialog mit der gesamten Gesellschaft. Die Wiedergutmachung bedingt funktionierende staatliche Institutionen, die den Angeh\u00f6rigen Red und Antwort steht sowie Anerkennung entgegenbringt. Es w\u00e4re dringend, dass Kolumbien seine Institutionen in diesem Sinne reformiert und reorganisiert. Denn die Aufarbeitung des bewaffneten Konflikts und des dadurch verursachten gewaltsamen Verschwindenlassens hat eben erst begonnen.<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;2_5&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243;][et_pb_button button_url=&#8220;https:\/\/kolko.net\/askonline\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Newsletter587_Desaparicion_forzada1.pdf&#8220; url_new_window=&#8220;on&#8220; button_text=&#8220;Download als PDF&#8220; button_alignment=&#8220;center&#8220; _builder_version=&#8220;4.0.6&#8243; custom_button=&#8220;on&#8220; button_text_size=&#8220;16px&#8220; button_bg_color=&#8220;#55677f&#8220; button_border_width=&#8220;2px&#8220; button_border_color=&#8220;rgba(0,0,0,0)&#8220; button_border_radius=&#8220;0px&#8220; button_letter_spacing=&#8220;4px&#8220; button_font=&#8220;Source Sans Pro|700||on|||||&#8220; button_icon=&#8220;%%266%%&#8220; button_icon_color=&#8220;#ffffff&#8220; button_icon_placement=&#8220;left&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_margin=&#8220;||&#8220; custom_padding=&#8220;12px|87px|12px|87px|true|true&#8220; locked=&#8220;off&#8220;]<br \/>\n[\/et_pb_button][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/kolko.net\/askonline\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/4efa9f8aa11.jpg&#8220; show_in_lightbox=&#8220;on&#8220; align=&#8220;center&#8220; force_fullwidth=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.0.6&#8243;][\/et_pb_image][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/kolko.net\/askonline\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/0ad749a49b1.jpg&#8220; show_in_lightbox=&#8220;on&#8220; align=&#8220;center&#8220; force_fullwidth=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.0.6&#8243;][\/et_pb_image][et_pb_sidebar area=&#8220;et_pb_widget_area_1&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243;][\/et_pb_sidebar][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verschwindenlassen ist eine Form der staatlichen Willk\u00fcr, bei der staatliche oder quasi-staatliche Organe Menschen in ihre Gewalt bringen und dem Schutz des Gesetzes l\u00e4ngere Zeit entziehen. 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