{"id":5377,"date":"2016-11-29T14:54:00","date_gmt":"2016-11-29T13:54:00","guid":{"rendered":"http:\/\/ask.almargen.de\/?p=5377"},"modified":"2019-11-20T15:04:06","modified_gmt":"2019-11-20T14:04:06","slug":"bis-wir-sie-finden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kolko.net\/askonline\/themen\/menschenrechte\/bis-wir-sie-finden","title":{"rendered":"Bis wir sie finden!"},"content":{"rendered":"\n[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243;][et_pb_row column_structure=&#8220;3_5,2_5&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; custom_margin=&#8220;-22px|auto||auto||&#8220;][et_pb_column type=&#8220;3_5&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243;][et_pb_post_title author=&#8220;off&#8220; categories=&#8220;off&#8220; comments=&#8220;off&#8220; featured_image=&#8220;off&#8220; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; title_font=&#8220;|800|||||||&#8220; title_text_color=&#8220;#f39900&#8243; custom_padding=&#8220;||10px||false|false&#8220; border_width_bottom=&#8220;2px&#8220; border_color_bottom=&#8220;#f39900&#8243;][\/et_pb_post_title][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.0.6&#8243; text_font=&#8220;Noto Serif||||||||&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243;]<p><em>Von Regula Fahrl\u00e4nder<\/em><\/p>\n<p>60\u2018630 KolumbianerInnen sind in den letzten 45 Jahren gewaltsam zum Verschwinden gebracht worden. Mindestens. Das sind doppelt so viele Menschen wie in den Diktaturen von Argentinien, Chile und Uruguay zusammen. Es sind drei Menschen t\u00e4glich, die nicht nach Hause zur\u00fcckgekehrt sind. Und es f\u00fchrt zu Tausenden von Familien, die jeden Morgen mit dem Bewusstsein erwachen, dass ein geliebtes Familienmitglied fehlt und sie nicht wissen, was mit ihm geschehen ist.<\/p>\n<p>Das Nationale Zentrum zur historischen Aufarbeitung (Centro de Memoria historica) hat am 22. November die bis anhin kompletteste Studie zum erzwungenen Verschwindenlassen in Kolumbien pr\u00e4sentiert. Der Bericht mit dem Namen \u201eBis wir sie finden\u201c (\u201eHasta encontrarlos\u201c)[1] zeigt auf, dass das erzwungene Verschwindenlassen in Kolumbien in den letzten 45 Jahren ein Ausmass erreicht hat, das weltweit unvergleichbar ist[2]. In der Milit\u00e4rdiktatur von Uruguay sprechen offizielle Zahlen von 300 Verschwundenen, in jener von Chile hat eine Wahrheitskommission die Zahl auf 3\u2018000 festgelegt und in Argentinien wurden 10\u2018000 F\u00e4lle dokumentiert, Menschenrechtsorganisationen gehen aber von insgesamt 30\u2018000 aus. Im demokratischen Kolumbien, welches weder einen Putsch noch eine Milit\u00e4rdiktatur erlebt hat, belaufen sich die Zahlen auf das Doppelte der drei L\u00e4nder zusammen. Nicht einmal die KolumbianerInnen sind sich dessen bewusst.<\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen des erzwungenen Verschwindenlassens<br \/> Erstmals systematisch angewandt wurde gewaltsames Verschwindenlassen im Nazideutschland. Hitler hatte 1941 mit dem Nacht-und-Nebel-Erlass das \u201eVerschwindenlassen des Feindes und das Verschweigen seines Aufenthaltsortes\u201c zu einer legalen Staatsmassnahme erkl\u00e4rt. W\u00e4hrend des Kalten Krieges wurde die Praktik in den USA in der Doktrin der Nationalen Sicherheit aufgenommen und nach Lateinamerika gebracht. Seit des Inkrafttretens des Rom-Statuts 2002 gilt das erzwungene Verschwindenlassen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.<br \/> In Kolumbien trat das Ph\u00e4nomen erstmals 1970 auf. Mit der Politik der Nationalen Sicherheit von Pr\u00e4sident Julio C\u00e9sar Turbay erhielten staatliche Streitkr\u00e4fte mehr Autonomie in der Bek\u00e4mpfung des internen Feindes. Damit wurde die Modalit\u00e4t systematisch im ganzen Land eingef\u00fchrt. Das Verschwinden der linken Aktivistin Omaira Montoya 1977 in Baranquilla wurde zum ersten Fall, der offiziell angezeigt wurde. Darauf folgte eine Welle von F\u00e4llen, die bis heute nicht abriss. Bis 1981 war das erzwungene Verschwindenlassen in Kolumbien, genau wie in den s\u00fcdlichen L\u00e4ndern Lateinamerikas, eine Strategie des Staates gegen die linke Subversion. Anders als in ebendiesen L\u00e4ndern wurde daraus aber bald eine Kriegsstrategie, die von allen Kriegsakteuren angewandt wurde, inklusive der Guerillas. Ziel dabei war nicht nur, den Feind aus dem Weg zu schaffen, sondern auch Angst und Terror zu verbreiten, territoriale Kontrolle zu erlangen, Kriegsverbrechen zu vertuschen, Zeugen zum Schweigen zu bringen und Untersuchungen zu behindern. Ab 1981 wandten vor allem die Paramilit\u00e4rs das gewaltsame Verschwindenlassen systematisch und fl\u00e4chendeckend an. Die Zeit zwischen ihrer Konsolidierung 1997 und ihrer Demobilisierung 2005 ist entsprechend jener mit den meisten Opfern, alle 2,5 Stunden verschwand eine Person. Danach sind die Zahlen r\u00fcckl\u00e4ufig, aber abreissen tun sie nicht. Tausenden von F\u00e4llen von \u201eFalsos Positivos\u201c kommen hinzu, auch Hannier Hurtado, Student an der Universit\u00e4t Valle und Aktivist in der Marcha Patri\u00f3tica. Er wurde am 30. Oktober 2016[3] zum Verschwinden gebracht.<\/p>\n<p>Ein junger Kolumbianer nach dem anderen<br \/> Das gewaltsame Verschwindenlassen in Kolumbien geschieht leise. Ganz nach dem Motto: Einer ist keiner und niemand wird es merken. Bis es Zehntausende von jungen M\u00e4nnern sind. Denn 97% der Opfer sind maskulin und zwischen 18 und 35 Jahren alt. Es sind Bauern, Taglohnarbeiter, Arbeiter, Gewerkschaftsf\u00fchrer, Studenten, Politiker, Menschenrechtsverteidiger und Untersuchungsrichter. Ihre sterblichen \u00dcberreste machen Kolumbien zu einem Massengrab. Sie werden in Hotels, Schulen, Haciendas, Bauernh\u00f6fen, H\u00e4usern, P\u00e4rken, Kirchen, Fl\u00fcssen und Seen vermutet. Von 86% (52\u2018508) von ihnen fehlt bis heute jede Spur. Von 6% (3.658) gibt es Informationen zu ihrem Verbleib, ihre menschlichen \u00dcberreste wurden aber noch nicht lokalisiert. Einzig 6% (3.480) wurden tot und 2% (984) lebend gefunden.<br \/> Das Ausmass dieses Verbrechens zeigt laut Gonzalo S\u00e1nchez, Direktor des Centro de Memoria Historica, die Folgen des jahrzehntelangen B\u00fcrgerkrieges in Kolumbien auf. Die KolumbianerInnen h\u00e4tten sich daran gew\u00f6hnt, in inhumanen Bedingungen zu leben. So eben auch mit der Ungewissheit \u00fcber den Verbleib geliebter Menschen und dem Schweigen rund um die Ereignisse. Denn das fehlende Bewusstsein der kolumbianischen Gesellschaft \u00fcber dieses Ph\u00e4nomen hat die Opfer ein zweites Mal zum Verschwinden gebracht und ihre Angeh\u00f6rigen alleine gelassen. Weiter versch\u00e4rft wurde deren Situation durch den Mangel an staatlichen Massnahmen. Dies hat den T\u00e4terInnen in die H\u00e4nde gespielt, indem die Opfer dadurch tats\u00e4chlich langfristig verschwunden blieben. Und es f\u00fchrt dazu, dass die Dunkelziffern weit h\u00f6her vermutet werden.<br \/> Es waren schlussendlich die Betroffenen selber, die f\u00fcr ihre Rechte einstehen mussten. Erzwungenes Verschwindenlassen ist im kolumbianischen Strafgesetzbuch erst seit 2000 als Straftat aufgef\u00fchrt. Den Opfervereinigungen ist es zu verdanken, dass es heute dieses Gesetz und umfangreiche Dokumentationen gibt. Daf\u00fcr haben sie die Gleichg\u00fcltigkeit der Mitb\u00fcrgerInnen, die Ablehnung des Staates und in vielen F\u00e4llen Bedrohungen ertragen m\u00fcssen. Es sind nicht wenige F\u00e4lle, in denen die Suche nach Vermissten zu erneutem Verschwindenlassen gef\u00fchrt hat. Ein grosser Verdienst der Angeh\u00f6rigen ist ferner die auf Kuba ausgehandelte Sonderbeh\u00f6rde zur Suche der Vermissten. FARC und Regierung verpflichten sich dabei zur Mitarbeit. Dadurch k\u00f6nnte die Suche nach den Vermissten endlich mehr Aufmerksamkeit erlangen. Sie muss unbedingt zu einer Priorit\u00e4t in der Zeit nach den Verhandlungen werden. Ist dies nicht der Fall, muss beim Ausmass dieses Verbrechens die Ernsthaftigkeit der ganzen Vergangenheitsarbeit des kolumbianischen B\u00fcrgerkrieges hinterfragt werden.<\/p>\n<p><a name=\"_ftn1\" href=\"https:\/\/kolko.net\/askonline\/themen\/menschenrechte\/analysen-und-berichte-der-ask\/bis-wir-sie-finden\/#_ftnref1\">[1]<\/a><span>\u00a0<\/span>Centro Nacional de Memoria hist\u00f3rica, 22.11.2016, Hasta encontrarlos. El drama de la desaparici\u00f3n forzada en Colombia,<a href=\"http:\/\/centrodememoriahistorica.gov.co\/micrositios\/hasta-encontrarlos\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/centrodememoriahistorica.gov.co\/micrositios\/hasta-encontrarlos\/<\/a><\/p>\n<p><a name=\"_ftn2\" href=\"https:\/\/kolko.net\/askonline\/themen\/menschenrechte\/analysen-und-berichte-der-ask\/bis-wir-sie-finden\/#_ftnref2\">[2]<\/a><span>\u00a0<\/span>Semana, 19.11.2016, Informe Especial: 60.630 desaparecidos,<a href=\"http:\/\/www.semana.com\/nacion\/articulo\/desaparicion-forzada-en-colombia-investigacion-completa\/505880\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.semana.com\/nacion\/articulo\/desaparicion-forzada-en-colombia-investigacion-completa\/505880<\/a><\/p>\n<p><a name=\"_ftn3\" href=\"https:\/\/kolko.net\/askonline\/themen\/menschenrechte\/analysen-und-berichte-der-ask\/bis-wir-sie-finden\/#_ftnref3\">[3]<\/a><span>\u00a0<\/span>Colombia Plural, De Omaira a Hannier, todos los desaparecidos tienen nombre,<span>\u00a0<\/span><a href=\"https:\/\/colombiaplural.com\/omaira-hannier-todos-los-desaparecidos-tienen-nombre\/\">https:\/\/colombiaplural.com\/omaira-hannier-todos-los-desaparecidos-tienen-nombre\/<\/a><\/p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;2_5&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243;][et_pb_button url_new_window=&#8220;on&#8220; button_text=&#8220;Download als PDF&#8220; button_alignment=&#8220;center&#8220; _builder_version=&#8220;4.0.6&#8243; custom_button=&#8220;on&#8220; button_text_size=&#8220;16px&#8220; button_bg_color=&#8220;#55677f&#8220; button_border_width=&#8220;2px&#8220; button_border_color=&#8220;rgba(0,0,0,0)&#8220; button_border_radius=&#8220;0px&#8220; button_letter_spacing=&#8220;4px&#8220; button_font=&#8220;Source Sans Pro|700||on|||||&#8220; button_icon=&#8220;%%266%%&#8220; button_icon_color=&#8220;#ffffff&#8220; button_icon_placement=&#8220;left&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_margin=&#8220;||&#8220; custom_padding=&#8220;12px|87px|12px|87px|true|true&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; locked=&#8220;off&#8220; button_url=&#8220;https:\/\/kolko.net\/askonline\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Bis_wir_sie_finden1.pdf&#8220;]\r[\/et_pb_button][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/kolko.net\/askonline\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/a7bf1813c81.png&#8220; show_in_lightbox=&#8220;on&#8220; align=&#8220;center&#8220; force_fullwidth=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.0.6&#8243; hover_enabled=&#8220;0&#8243;][\/et_pb_image][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/kolko.net\/askonline\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/24413c9db81.png&#8220; show_in_lightbox=&#8220;on&#8220; align=&#8220;center&#8220; force_fullwidth=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.0.6&#8243; hover_enabled=&#8220;0&#8243;][\/et_pb_image][et_pb_sidebar area=&#8220;et_pb_widget_area_1&#8243; _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243;][\/et_pb_sidebar][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>60\u2018630 KolumbianerInnen sind in den letzten 45 Jahren gewaltsam zum Verschwinden gebracht worden. 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